Bei jedem dritten Darmtumor spielt Vererbung eine Rolle. Doch die entsprechenden Gene waren weitgehend unbekannt - bis jetzt: Krebsforscher haben einen DNA-Abschnitt identifiziert, der offenbar für die Entstehung des zweithäufigsten Tumors in Deutschland verantwortlich ist.
Dickdarmkrebs kann durch fettiges Essen und zu wenig Bewegung wachsen - davon sind Ärzte überzeugt. Aber auch die Gene sind Schuld: Momentan gehen Wissenschaftler davon aus, dass jeder dritte Tumor im Dickdarm vererbt ist. Die verantwortlichen Abschnitte der DNA (Desoxyribonukleinsäure) kannten Forscher aber kaum: Nur bei fünf Prozent aller Dickdarmtumore waren bislang die Erbfaktoren bekannt.
Diagnose Darmkrebs: In Deutschland erkranken jedes Jahr mehr als 73.000 Menschen.
Jetzt haben US-Forscher ein Gen identifiziert, das eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Dickdarmkrebs zu spielen scheint: das Gen mit der Abkürzung TGFBR1. Es handelt sich dabei um einen Abschnitt der DNA, der ein Protein produziert, das Zellen daran hindert, ungehemmt zu wachsen. Demnach schützt TGFBR1 vermutlich vor Darmkrebs, berichten die Wissenschaftler von der Ohio State University und der Northwestern University (US-Bundesstaat Illinois) im Fachblatt "Science".
Von dem Gen existieren im menschlichen Körper zwei Kopien, eine von der Mutter und eine vom Vater. Normalerweise sind beide DNA-Abschnitte ähnlich aktiv und produzieren gleich viele hemmende Proteine. Bei überdurchschnittlich vielen Patienten mit Kolon-Krebs stellt die eine Gen-Kopie allerdings zu wenig Kontroll-Proteine her, entdeckten die Wissenschaftler.
Für ihre Studie verglichen die Krebsforscher die Gene von 138 Menschen mit Dickdarmkrebs mit denen von 108 Gesunden. Bei 29 Tumorpatienten war eines der beiden TGFBR1-Gene nur ein Drittel so aktiv wie das andere. Bei den gesunden Kontroll-Probanden hatten nur drei einen so deutlichen Unterschied. Diese Gen-Konstellation "ist vermutlich für mehr Dickdarmtumoren verantwortlich als alle anderen Genmutationen, die bislang gefunden wurden", sagt Studienautor Boris Pasche, Direktor des Krebs-Genetik-Programms der Northwestern University.
Da die Wissenschaftler ausschließlich weiße Probanden untersucht haben, wollen sie nun überprüfen, ob ihre Ergebnisse auch in anderen ethnischen Gruppen zutreffen. Außerdem müssen sie kontrollieren, ob sich ähnliche Zahlen auch bei einer größeren Studienpopulation bestätigen lassen. "Es ist möglich, dass ein Test für diese genetische Veränderung schon bald Teil der klinischen Analysen wird, wenn ein Arzt das Darmkrebs-Risiko für einen Patienten errechnet", meint Albert de la Chapelle von der Ohio State University.
Bei anderen Tumorarten gibt es einen solchen Gen-Scan bereits: Frauen mit mehreren Brustkrebsfällen in der Familie haben ein erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken. Der Grund: Bei der Entstehung von Brustkrebs spielen die sogenannten BRCA1- und BRCA2-Gene eine wichtige Rolle. Ob diese in physiologischer Form vorliegen und arbeiten oder ob sie mutiert sind, können Frauen mit familiärer Belastung untersuchen lassen - die Krankenkassen übernehmen in den meisten Fällen bereits die Kosten.
An Dickdarmkrebs erkranken rund um den Globus jährlich eine Million Menschen. Der Tumor ist in Deutschland bei beiden Geschlechtern die zweithäufigste Krebserkrankung. Nach Informationen des Robert-Koch-Instituts in Berlin befällt die Krankheit hierzulande jedes Jahr rund 37.000 Männer und 36.000 Frauen.
Quelle:spiegel