“Die Vernunft formt den Menschen, die Gefühle leiten ihn”, sagte einst Philosoph Jean-Jaques Rousseau. Meistens stimmt das auch. Doch für rund zehn Prozent der Deutschen trifft dieser Satz nicht zu. Diese Menschen leiden an Alexithymie, im Volksmund auch Gefühlsblindheit genannt.
imedo-Redakteurin Tina Bernstein hat mit einer Angehörigen gesprochen, die mit einem Betroffenen zusammenlebt und Einblicke in ein Leben gewährt, das für viele Menschen kaum verständlich ist.
Berlin - Kuscheln, Drücken, Weinen - in einer Beziehung sind diese Gefühle kaum wegzudenken, zumindest nicht bei normal-fühlenden Menschen. Bei Heidelore Becker und ihrem Lebensgefährten gibt es diese eigentlich emotionalen Momente auch - allerdings werden diese Gefühle von ihrem Mann nicht wahrgenommen. Wenn sie sich über ihn ärgert, zeigt die 47-jährige ein rote Karte. “Fühlende Menschen haben Probleme das zu verstehen”, beruhigt Heidelore Becker. Aber für sie sind Ampelkarten in den Farben grün, gelb und rot ein wichtiges Kommunikationsmittel. Damit signalisiert sie auf rationale Art ihre Empfindungen und weist ihren Mann in die Schranken. Er selbst kann mit Gefühlen nicht umgehen und ist mit diesem Problem einer von rund 800.000 Betroffen in Deutschland.
Gefühlsblindheit heißt das Persönlichkeitsmerkmal, das diese Menschen auszeichnet. Warum freut man sich über Geburtstagsgeschenke? Warum weinen Menschen? Wie fühlt sich Liebe an? Alles Fragen, die diese Menschen nicht beantworten können. “Das zu diskutieren, wäre, als würde man einem blinden die Farbe Rot erklären”, erläutert Heidelore Becker. Sie ist die zweite Lebensgefährtin ihres Mannes. Seine erste Beziehung scheiterte an fehlenden Emotionen.
Bewältigung des Alltags
Die Ampelkarte ist nicht die einzige Umstellung im Alltag von Heidelore und ihrem Lebensgefährten. “Der Sprachgebrauch ändert sich zwangsläufig - gefühlsbetonte Redewendungen sind fehl am Platz. Ihr Lebensgefährte braucht zudem einen geregelten Tagesablauf. “Die Menschen brauchen eine klare Linie, das sei nach Angaben Heidelore Beckers vergleichbar mit Autismus. Der Alltag ist klar strukturiert - dieselbe Zeit, dieselbe Tätigkeit. Es sei daher einleuchtend, dass Menschen mit dieser Charaktereigenschaft vor allem im Management großer Firmen beliebt sind. “Sie erledigen klar ihre Aufgaben und handeln ohne Gefühle anderen gegenüber”, erklärt Becker.
Ursachen liegen in der Kindheit
Die Ursachen der Krankheit sind nach aktuellen Erkenntnissen in der Kindheit zu suchen. Die ersten Jahre eines Kindes sind geprägt durch eine Kommunikation durch Emotionen. Werden hier die emotionalen Grundbausteine nicht gelegt, fällt es den Kindern auch im Erwachsenenalter schwer Gefühle zu zeigen und die anderer zu deuten. Eine andere Ursache können Traumata sein - bedingt durch Kriegserfahrung oder einem Unfall.
Da Gefühle aber trotzdem vorhanden sind, äußern diese sich anderweitig, durch Aggression oder psychosomatische Krankheiten. Der Lebensgefährte von Heidelore Becker leidet an Gicht, obwohl Ärzte keine körperlichen Ursachen dafür finden. Heidelore Becker erreichen viele Erfahrungsberichte. Als nächstes will sie eine Selbsthilfegruppe gründen, um den Austausch zwischen Betroffenen, Ärzten und Psychologen zu fördern.
Weitere Informationen über Alexithymie und den Austausch mit Betroffenen finden Sie bei www.imedo.de.